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Leinenzwang überall – gesicherte Freilaufflächen die Alternative?

Als Hundetrainer beobachte ich seit vielen Jahren Tendenzen, wie mehr oder weniger verzweifelt versucht wird, die sozialen Bedürfnisse unserer Hunde irgendwie in unserer hyperzivilisierte Welt zu befriedigen. Ein Versuch die Sicherheitsbedürfnisse der Großstädter mit den Bedürfnissen nach freiem Herumtollen der Hunde mit Artgenossen zu harmonisieren, sind seit vielen Jahren die eingezäunten Freilaufflächen. Icg stehe diesem Konzept eher kritisch gegenüber, weil viele Hunde im unregulierten Kontakt in diesen Ausläufen schlicht überfordert sind und es zu Mobbing- bis hin zu regelrechten Jagdszenen kommt.

Mit diesem Hintergrund habe ich mich in letzter Zeit nicht wirklich tiefergehend mit diesem Thema beschäftigt und Kunden tendenziell eher abgeraten die Freilaufflächen aufzusuchen.

Bis gestern: Eine sehr liebe Kundin mit ihrer knapp einjährigen Hündin, die zum Diabetikerwarnhund ausgebildet werden soll, bat mich, sie zu begleiten um zu beurteilen, wie stressresistent und abrufbar ihre Hündin ist. Also war ich dabei.

Und schon bevor wir überhaupt nur geparkt hatten wurden all meine Vorurteile bestätigt: eine unangeleinte junge Herdenschutzhündin (min. 60 kg) bedrängte eine Familie mit einem angeleinten Havaneser massiv noch vor dem Tor. Das Herrchen stand daneben, als ob ihn das alles nichts anginge. Ich war kurz davor aus dem Wagen zu springen aber meine Kundin ermahnte mich: „Du bist hier heute für mich da.“ Okay… ich zählte runter, bis ich wieder entspannt war.

Wir machten draußen noch ein paar Übungen zur Leinenführigkeit. Dann hinein in die Höhle der Löwen. Und zu meiner großen Überraschung ging es hier sehr nett und entspannt zu. Während wir unsere junge Hündin noch an der Leine führten, riefen Hundebesitzer, deren Hunde zu aufdringlich wurden, diese zurück. Wow, das hatte ich nicht erwartet. Es sind Familien mit Kindern und zum Teil mehreren Hunden unterwegs. Alle sehr entspannt und freundlich. Wir ließen unsere Hündin, die wirkliches Spiel mit anderen Hunden über alles liebt, los und sahen sie überglücklich und so schnell und ausgelassen wie nie zuvor mit einigen sehr netten Hunden ihre Runden drehte. Das Gefühl war überwältigend. Was für ein Spaß. Die Hunde stellten sich blitzschnell aufeinander ein, konfliktfrei. So sind sie. Das haben sie uns voraus. Dafür liebe ich sie!

Aber klar, es gab auch die Schattenseiten: eine Austrailien Shepardhündin, die bei jeder Annäherung unter einem Meter anfing zu schreien, weil ihr das alles zu viel war und sie keine Hilfe von ihren Haltern zu erwarten hatte. Oder die Zwerghündin, die allein auf weiter Flur, erstmal eine Backpfeife von oben genannter Herdenschutzhündin erhalten hat. Ja, dieses Mensch-Hundgespann war für mich sehr interessant: Im Freilaufgehäge ließ sich nämliche Hündin zweimal von mir wegschicken, als wir Leinenführigkeit übten. Bei der dritten Begegnung wurde es ihr dann zu bunt. Sie schnappte sich die Schleppleine aus meiner Hand und begann darum mit mir zu ringen. Als ich den Besitzer aufforderte, ihr die Leine abzunehmen, äußerte er Zweifel, ob ihm dieses gelänge…

Oh weia, ich hatte den Eindruck, dass ich an diesem Nachmittag unsere Gesellschaft in einem Prisma gesehen hätte: 85% absolut entspannte, verantwortungsvolle Mitmenschen mit total netten Hunden. 10% von der Sorte: „Das geht mich alles nichts an und eigentlich bin ich gar nicht hier“ und 5% „Ist mir doch alles scheißegal und ich kümmere mich erst, wenn ich eine Anzeige kriege.“ Jo so sind sie, die 15%, die nerven und wir alle zusammen sind in der Verantwortung unseren Zusammenhalt zu stärken und solche extrem unhöflichen Mitmenschen auf ihr Fehlverhalten anzusprechen. Das macht keinen Spaß führt aber vielleicht manchmal dazu, dass der eine oder andere dem öffentlichen Freiläufen fernbleibt.

Für alle Hunde, die  in den Freiläufen zu viel Stress haben, gibt es aber schöne Alternativen:  kürzlich haben ein paar private Hunde-Abenteuer-Gärten eröffnet. Solche Initiativen finde wich natürlich ganz wunderbar. Und es gibt auch von Hundetrainern geführte Freilaufgruppen, in denen Hund und Halter viel über gutes Sozialverhalten lernen. Warnen möchte ich aber ausdrücklich vor sogenannten „Raufergruppen“, denn manchmal läuft es folgendermaßen ab: Maulkörbe drauf, 10 Hunde auf einer Wiese und dann „regeln die das schon unter sich“. Das ist der größte Vertrauensmissbrauch, den man seinem Hund antun kann!

Hier nun mein Rat: schaut beim Freilauf ganz genau hin, wie euer Hund sich fühlt und wie ihr euch fühlt. Sind alle entspannt ist es ein großes Vergnügen. Ist euch oder eurem Hund irgendwie mulmig zumute, verlasst die Situation.

Mit herzlichen Grüßen

Christiane McCaughtrie

Hundeschule DOGS